Chester.

Chester,

ich hätte dir gerne irgendwann mal in meinem Leben gesagt, wie wichtig du mir warst. Wie wichtig du mir immer sein wirst.

Ich hätte dir gerne erzählt, wie ich die Musikvideos zu „Crawling“ und „In the end“ im Fernsehen gesehen habe, als ich ungefähr 11 war – und wie sich seitdem mein Musikgeschmack, und vielleicht ein bisschen auch mein Leben, verändert hat.

Dann hätte ich dir erzählt, wie deine Musik erst nur Spaß für mich war. Wie ich mir mit 14 die DVD zu „Live in Texas“ von einem Klassenkameraden auslieh und jeden Tag nach der Schule nach hause lief, nur um sie immer und immer wieder zu gucken. Weil ich so fasziniert von dir und deiner Band war. Mein Klassenkamerad hat mir irgendwann meine eigene DVD geschenkt, weil ich seine einfach nicht mehr rausrücken wollte. Ich hab sogar Fanfictions über dich geschrieben. Aber das hätte ich dir wahrscheinlich nicht erzählt.

Chester, ich hätte dir gerne gesagt, welche Bedeutung deine Songs für mich hatten, als ich 15 war. Als ich dachte, den Schmerz im Inneren mit Schmerz von Außen bekämpfen zu müssen. Als ich das Gefühl hatte, niemand versteht mich so gut wie du.

Everything you say to me
Takes me one step closer to the edge and I’m about to break
I need a little room to breathe
Because I’m one step closer to the edge, I’m about to break

Vielleicht hätte ich dir erzählt, dass ich auch mit 22 noch nervös vor dem Computer gesessen und auf eure neue Single gewartet habe. Dass ich ein unfertiges Manuskript in der Schublade habe, dessen Protagonist ein Musiker namens Chester ist. Dass ich überlegt habe, mir das Linkin Park Logo tätowieren zu lassen, oder eine Zeile aus einem eurer Songs.

Ganz sicher hätte ich dir erzählt, wie besonders es für mich war, dich 2014 endlich live zu sehen.

Und dir die Hand zu geben.

Auch wenn ich für dich nur eine unter vielen vor der Bühne war. Das war und ist mir egal. Für mich war das besonders, weil du für mich besonders warst.

Chester Bennington Linkin Park Live

Und jetzt?

Jetzt bist du fort. Eine schmerzhafte Tatsache, die ich immer noch nicht richtig begreifen kann. Vielleicht gar nicht begreifen will. Ich versuche, deine Songs zu hören und mich daran zu erinnern, wie sehr sie mir geholfen haben an Tagen, an denen es mir schlecht ging.

Aber es geht nicht.

Ich kann deine Stimme nicht hören, denn ich kann den Gedanken daran, dass du nicht mehr lebst, gerade noch nicht ertragen. Ich kann nicht ertragen, darüber nachzudenken, wie du dich gefühlt haben musst. Was du dir angetan hast.

Das bricht mir das Herz.

Ich hätte dir all das vermutlich niemals sagen können, Chester, denn ich kannte dich nicht. Aber ich hatte immer das Gefühl, du kennst mich. Und dafür danke ich dir.

and when you’re feeling empty

keep me in your memory

 

3 Kommentare


  1. Ein sehr bewegender Abschiedsbrief! <3 Und wie schön, dass du diese Erinnerung daran, seine Hand geschüttelt zu haben, für immer haben wirst.

    Ich habe Linkin Park nicht so intensiv verfolgt, aber das Album "Meteora" war in einer Phase meines Lebens sehr wichtig, nämlich als ich 2004 sowohl das Ende meiner Ehe beklagen musste als auch einen tiefen beruflichen Rückschlag verkraften musste. (Ja, ich bin 20 Jahre älter als du…)

    Dem Direktor der Schule habe ich mit der Schulband (bestehend aus Lehrern und Schülern) damals sozusagen das Lied "Numb" "gewidmet": Ich habe es auf der Abifeier gesungen und habe innerlich die Zeilen " I'm tired of being what you want me to be … I don't know what you're expecting of me… Every step that I take is another mistake to you" wütend an ihn gerichtet, weil er mich von der Schule weghaben wollte und entsprechend schlecht beurteilt hatte, sodass ich die Schule mit dem Ende des Schuljahres verlassen musste.

    In dieser Phase habe ich Meteora rauf und runter gehört (und wann immer möglich laut mitgesungen), um meiner Wut und Enttäuschung Luft zu machen. Aber ich bin gut durch dieses Jahr gekommen und habe Linkin Park später nicht mehr "gebraucht" (es war eigentlich so gar nicht meine Musikrichtung). Ein Stück weit war also dieses Album Therapie, nach erfolgreicher Verarbeitung dieser Rückschläge in meiner Biografie konnte ich die Therapie abbrechen.

    Wow, so hatte ich noch nie darüber nachgedacht.

    Ich hoffe, Chester hat seinen Frieden gefunden, ich finde es immer so furchtbar tragisch, wenn jemand keinen anderen Ausweg als den Tod sieht…

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  2. Ein wunderschön geschriebener Text, der genau das ausdrückt, was ich mir in der vergangenen Woche auch gedacht habe. Vielen Dank dafür, liebe Margarete <3

    Was du sagst, stimmt. Gerade in meiner Jugend hatte ich das Gefühl, Chester würde mich kennen. Mit der Musik von Linkin Park habe ich mich ein bisschen verstandener gefühlt, hatte das Gefühl, die Schulzeit wäre ein bisschen weniger beschissen.

    Übrigens: Leave Out All The Rest ist einer meiner Lieblingssongs, den ich in den letzten Tagen rauf und runter gehört habe.

    Danke nochmal, du bringst vermutlich unser aller Gedanken wunderbar zu "Papier"! <3

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  3. Sehr schöner, wehmütiger Artikel und ein wunderbares Dankeschön an einen großartigen Musiker, der einfach viel zu früh gegangen ist.
    Mir gings ähnlich wie dir – als ich so ca 13 -15 Jahre alt war sprach mir Linkin Park dermaßen aus dem Herzen und aus der Seele. Das werde ich nie vergessen und das hat mich an einem Morgen im Juli extrem geschockt.

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