Frau Margarete

Bunte Geschichten aus Berlin und aus dem Leben
Alltag Schreiben

Einmal freimachen, bitte.

Dort stehe ich. Mir ist heiß, ich schwitze. Kein Wunder, die Hitze hier ist unerträglich. Ich schaue an mir herab: Dutzende Lagen von Kleidung hüllen mich ein, umwickeln mich, zwängen mich ein. Bewegungen sind kaum möglich, der schwere Stoff drückt mich runter, macht mich klein. Die Last wiegt schwer auf meinen Schultern, mein Rücken schmerzt, meine Beine werden lahm. Ich weiß nicht ob ich nur noch einen weiteren Schritt schaffe… 
Nein. Das Gewicht reißt mich zu Boden. Da liege ich. Klein, schwach, nicht fähig mich zu bewegen. Ich muss etwas dagegen tun. Doch kann ich all diese Schichten einfach abwerfen? Einfach so? Unsicher ziehe ich an der obersten Lage, und ziehe meine Hand zurück, als ob der Stoff glühend heiß wäre. „Stell dich nicht so an“, denke ich, „steh wieder auf.“ 
Ich drehe mich, winde mich, quäle mich. Doch es geht nicht: Ich kann nicht aufstehen, solange mich diese Last, dieser Ballast umgibt. Kurzschluss. Meine Hände greifen den Stoff und reißen. Reißen all die Lagen herunter. Das Kleid der Lethargie. Den Mantel der Depression. Das Gewand des schlechten Gewissens. Lage um Lage muss weichen. 
Und dann stehe ich auf. Leicht, unbeschwert, frei. All die Last, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatte, liegt zu meinen Füßen. Selbstbewusst nach vorne blicken, nach vorne laufen, rennen, springen. Ohne dass mich irgendetwas runter zieht. Und rückblickend war es doch so einfach. Ich werde mich daran erinnern, wann immer eine solche Last wieder droht, mich umzureißen. Dann zucke ich die Schultern und denke: Einmal freimachen, bitte. 


2 Kommentare

  1. Hallo, Katie.
    Ich denke ein Zitat wiegt 1001 Wort auf…

    „Ein drückendes Joch der Unfreiheit droht immer & ewig. Ob es Ketten von eigener Hand sind, oder Tyranneien selbsternannter Despoten – kein Weg führt daran vorbei ein Nein zu schmettern. Krachend, mitten hinein in jede Selbstgefälligkeit. Dein Weg gehört dir.“
    (Myrelle Minotier)

    bonté

  2. Oh wow, total poetisch! Ich mag solche Texte 🙂 Und du hast echt ein Händchen für so etwas. Manchmal tut es einfach verdammt gut eine schwere Last hinter sich zu lassen, frei von allem, was einen die letzten Wochen oder gar Monate bedrückt hat. Ich kann's kaum erwarten, bis ich meinen sorgenschweren, dicken Mantel runterreißen kann. Aber bis dahin werd ich ihn noch mit mir rumtragen und das Beste daraus machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: