Frau Margarete

Bunte Geschichten aus Berlin und aus dem Leben
Alltag Schreiben

Einsneunun’sechzich

Es ist November. Nein, Halt, eigentlich ist es August aber alles schreit nach November. Draußen und drinnen. Der Wind wirbelt meine Haare durcheinander, durch den Nieselregen ist mein Gesicht rot und feucht. Die Kleider sind klamm, die Beine und Gedanken schwer. Auch im Kopf ist November und als ich den Aldi betrete, frage ich mich, ob es jemals wieder Frühling wird.

Weil ich spontane Lust auf Knäckebrot mit Käse hatte, warte ich jetzt hier an der Kasse. Nichts als ein Päckchen dänischen Schnittkäse für 1.69 Euro in der Hand. Und dafür stehe ich mir die Beine in den Bauch. Vorne bezahlt gerade ein Ruhrpottoriginal mit aufgemalten Augenbrauen, pinker Hose und silbernen Plateau-Schuhen. Dahinter, und damit direkt vor mir, hat es ein Rentner nicht gerade eilig seinen Einkauf auf das Kassenband zu legen. Eine Dose Bohnensuppe, zwei Flaschen Wein, ein Päckchen Teewurst.
Ich sehe, wie der alte Mann eine Packung Erfrischungsstäbchen auf das Kassenband legt und es versetzt mir einen schmerzhaften Stich irgendwo zwischen Herz und Magen. Unweigerlich denke ich an die Packung Erfrischungsstäbchen, die Zuhause im Kühlschrank liegt. Da, wo eigentlich die Eier hingehören, aber die hast du weggeräumt, um Platz für deine Süßigkeiten zu schaffen. Ich denke daran, dass die Erfrischungsstäbchen dir gehören und dass du jetzt nicht da bist und dass das ziemlich scheiße ist.
Ich stelle mir vor, wie du immer zuerst das Ende des Schokoladenstäbchens abbeißt, bevor du es dir in den Mund steckst. Und wie du dann deinen Kopf zur Seite legst, damit der flüssige Kern des Stäbchens in deinen Mund fließt. So hast du es mir erklärt, mit vollem Mund, als ich gefragt habe, was du da machst. Und ich erinnere mich daran, dass du Nein gesagt hast, als ich gefragt habe, ob ich mal ein Erfrischungsstäbchen probieren dürfte. Nein, weil du Angst hattest, ich würde dir am Ende alle wegfuttern. Und dann fällt mir wieder ein, dass du nicht da bist und die blaue Pappschachtel mit den komischen Schokostäbchen noch eine Weile unberührt in meinem Kühlschrank liegen wird.
„Einsneunun’sechzich“, nuschelt die Kassiererin. Sie guckt mich blöd an, als ich meine Träne wegwische und ihr das Geld gebe. Mir egal. Ich vermisse dich. Und das nur wegen ein paar blöden Erfrischungsstäbchen.

10 Kommentare

  1. Oh, richtig traurig heute 🙁 Es ist manchmal echt gemein, wie einen so etwas banales wie diese Erfrischungsstäbchen (Hab ich übrigens erst vor ner Woche bei ner Frau vor mir auf dem Band liegen sehen und vorher noch nie gesehen. Was ist das eigentlich genau? 🙂 ) an etwas oder jemanden erinnern können und die Gefühle sofort aufgewirbelt werden.Ich hoffe, dass die Zeit des Vermissens bei dir bald ein Ende nehmen wird und du, vermutlich deinen Freund, ganz schnell wieder in die Arme schließen kannst 🙂 Ich drück dich ganz fest!!!
    Liebe Grüße,
    Lia

  2. Ich weiß auch nicht genau was Erfrischungsstäbchen sind, durfte ja nicht probieren 😛 Außen rum ist Schokolade und innen ist so flüssigen Orangenzeug.. keine Ahnung.

    Danke für deinen lieben Kommentar :-*

  3. Oh das ist so schön geschrieben!
    Seitdem ich nicht mehr mit meinem Freund zusammen bin, kenne ich das nur zu gut. Irgendeine Kleinigkeit und man denkt wieder an einen Moment… :/

  4. *lach* ich habe die Tage auch schon drangedacht, dass ich meine Herbst- und Wintersachen auspacken und aufbauen möchte 🙂 ~ dieses WE gehts auch zum „Schwammerl“ aka. Pilze-suchen in den Wald, das gehört zum Einleuten der kalten Jahreszeit!

    Ich musste wirklich schmunzeln, ich komm zwar ned aus dem Ruhrpott, aber so hübsche Gestalten, wie du sie beschrieben hast, haben wir hier auch :3 – ganz feiner Eintrag!

    Und allgemein ein sehr sympatischer Blog, bin ja durch zufall hier gelandet (und schreib dir gleich so einen Roman – sorry ;)) – muss dich gleich mal auf meine Leseliste setzen 😀

    Hoffentlich siehst du deinen Freund bald wieder? Dann schmecken dir die guten alten Orangenstäbchen auch wieder ^^

    GLG

    Mia

  5. Grüß Dich, Katie.
    Es sind öfter die kleinsten Nebensachen, die die Erinnerung wie die Sehnsucht nach Gefühlen in die Gedanken pressen. Emotion ist es, die uns offenlegt lebendig zu sein. Manchmal zu einer Träne verdichtet.

    Die „Efrischungsstäbchen“ sind irgendwie ein Warenklassiker. Vergleichbar mit Eszet, oder Nuts. Ich persönlich laße sie ja gern auf der Zunge schmelzen. 🙂

    Bei der konzipierten Sterilität der normierten Aldis kommt einem die Frage auf, ob es Jahreszeiten überhaupt gibt. Denke ich spontan. :-

    Irgendwie ist 'Lars Und Die Frauen' zur Zeit recht beliebt bei diversen Blogs!

    bonté

  6. Ja, es sind wirklich oft die kleinen Dinge, die einen spüren lassen, wen oder was man vermisst. Denn es sind ja auch meist die kleinen Dinge, die eine Beziehung, ein Zusammenleben besonders machen.

    Jetzt habe ich Lust auf Eszet-Schnitten, als Kind habe ich die geliebt!

    Ist der Film das? Er stand schon länger auf meiner Leihliste, und da wird mir immer zufällig ein verfügbarer Film zugeschickt, aber ich fand ihn wirklich sehenswert 🙂

  7. …“In der allergrößten Not schmeckt Eszet auch ohne Brot“. 😀

    Doch, doch – der Film fand Eingang in einige Posts rund um gern mögbare Filme.

    bonté

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