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[Female Friday] Astrid Lindgren und wie sie den 2.Weltkrieg erlebte

Astrid Lindgren ist uns sicher allen ein Begriff. Wir kennen ihren Namen von den Buchrücken, die unser Regal im Kinderzimmer füllten. Mit Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Michel aus Lönneberga, Madita, den Kindern aus Bullerbü und vielen weiteren Geschichten wurde Lindgren als Kinderbuchautorin berühmt und wird bis heute von vielen dafür geliebt. Sie schuf eigensinnige Charaktere und legte einen ganz besonderen Humor an den Tag. Doch noch bevor sie diese Erfolge als Autorin feierte, erlebte Astrid Lindgren zwei Weltkriege. Während dem zweiten Weltkrieg führte sie Tagebücher, die bis heute erhalten sind und im vergangenen Jahr ungekürzt veröffentlicht wurden.

Astrid Lindgren - Tagebücher 1939-1945
Astrid Lindgren – „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ – Tagebücher 1939-1945

Informationen zu Astrid Lindgrens Leben vor dem 2.Weltkrieg

Astrid Lindgren wurde 1907 als Astrid Anna Emilia Ericsson in Schweden geboren. Sie beschrieb ihre Kindheit stets als glücklich und ließ sich von dieser Zeit in Småland auch für ihre Kinderbücher inspirieren. In der Schule lernte sie Englisch, Französisch und Deutsch, was für die damalige Zeit nicht selbstverständlich war. Anschließend arbeitete sie bei einer Zeitung in Vimmerby und lernte das Journalistenhandwerk von Grund auf. Doch während dieser Zeit, mit gerade einmal 18 Jahren, wurde sie vom Chefredakteur der Zeitung schwanger. Sie lehnte es ab, den Mann zu heiraten; sie wollte alleine für sich und das Kind sorgen.

Sie zog nach Stockholm und absolvierte eine Ausbildung zur Sekretärin. Im Dezember 1926 brachte Astrid ihren Sohn Lasse im dänischen Kopenhagen zur Welt, da dort anonyme Geburten möglich waren. Lasse kam zunächst in einer Pflegefamilie unter, aber Astrid hielt den Kontakt zu ihm, bevor sie ihn 1930 wieder zu sich nahm. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Astrid bereits als Sekretärin im „Königlichen Automobil-Club“, wo sie ihren späteren Ehemann Sture Lindgren traf. Im Mai 1934 wurde Astrids und Stures gemeinsame Tochter Karin geboren.

Ab 1940 arbeitete Astrid in der geheimen Abteilung für Briefzensur des schwedischen Nachrichtendiensts – hier wurde sowohl private als auch militärische Post nach Schweden und ins Ausland geprüft. Die Briefe wurden mittels Wasserdampf geöffnet, gelesen und auf militärische Ortsangaben und Geheimnisse geprüft. Obwohl Astrid zu absoluter Geheimhaltung verpflichtet war, schrieb sie manchmal Briefe ab und verstaute sie in den Tagebüchern, die sie mit Kriegsbeginn am 1.September 1939 zu schreiben begann.

In Deutschland erschienen Astrid Lindgrens Tagebücher 1939-1945 unter dem Titel „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ – einem Zitat aus eben jenen Tagebüchern. Veröffentlicht wurde das Werk von den Ullstein Buchverlagen, bei denen ich mich recht herzlich für das Rezensionsexemplar bedanke.

1918 hätte das aller-, allerletzte Jahr des Unfriedens in der Geschiche der Menschheit sein sollen, aber daraus wurde nichts. Es war so traurig, von all jenen zu hören, die (…) gefallen sind; sie sind so entsetzlich sinnlos gefallen, vollkommen vergeblich sinnlos, wenn sich doch in 25 Jahren alles wiederholen würde. (S.254)

Astrid Lindgren - Tagebücher 1939-1945
Das Buch aus dem Ullstein Buchverlag ohne den Einband – mit Astrid Lindgrens Unterschrift, fast noch schöner.

Den eigentlichen Tagebüchern ist ein Vorwort von Antje Rávic Strubel vorangestellt, das ich persönlich als sehr hilfreich und informativ empfunden habe. Wir erfahren hier nicht nur etwas über Astrid Lindgrens Leben, sondern vor allem auch Hintergrundinformationen über Schweden zu Kriegszeiten. Denn als eines von sehr, sehr wenigen Ländern in Europa war Schweden nicht direkt vom 2.Weltkrieg betroffen, d.h. auf schwedischem Boden wurde kein Krieg geführt und Schweden sandte auch keine Truppen aus. Stattdessen bot Schweden humanitäre Hilfe an, insbesondere für die vom Krieg betroffenen Nachbarn in Skandinavien. Schweden nahm Flüchtlinge auf (v.a. aus Finnland, Norwegen und dem Baltikum), spendete Geld, Lebensmittel und andere Hilfsgüter. Gleichzeitig stand Schweden aber auch in der Kritik, weil es lange Zeit weiter Handel mit Deutschland trieb und deutschen Soldaten Transit gewährte.

Doch warum sollte man die Tagebücher von Astrid Lindgren lesen, wenn Schweden gar nicht direkt am Krieg beteiligt war? Nun, diese Aufzeichnungen bieten einen interessanten Blick auf die Geschehnisse in Europa und der Welt. Ich gebe offen zu, dass ich in keinem Geschichtsunterricht der Welt so viel über den 2.Weltkrieg gelernt habe, wie durch dieses Buch. Nach meinem Gefühl – und das ist vermutlich auch einigermaßen legitim – beschäftigt sich der Unterricht in der Schule vor allem mit dem Krieg, wie er in Deutschland, Polen und Frankreich stattfand. Es ist vielleicht peinlich, aber ich gestehe: ich hatte keine Ahnung, in welchem Ausmaß auch Skandinavien, Afrika und Asien vom Weltkrieg betroffen waren. Ironisch eigentlich, wo es doch eben Weltkrieg heißt. Astrid Lindgren schreibt nicht nur über ihre persönliche Wahrnehmung des Krieges, sondern fügte auch Zeitungsartikel in ihre Aufzeichnungen ein, die natürlich ebenfalls übersetzt wurden und im Buch nachgelesen werden können. Das ist also Grund 1, warum man diese Tagebücher lesen sollte: Informationen und Wissen.

Ich habe (…) einiges über Geschichte gelesen, und das ist eigentlich eine unheimlich beklemmende Lektüre – Krieg und Krieg und wieder Krieg und das ständige Leiden der Menschheit. Und niemals lernt sie etwas daraus, sie begießt die Erde nur immer weiter mit Blut, Schweiß und Tränen. (S.117)

Astrid Lindgren zeichnete sich im Laufe ihres Lebens durch ihr politisches Engagement aus, das sozialdemokratisch geprägt war. Sie setzte sich für die Rechte von Kindern, Frauen und Tieren und gegen Rassismus ein. Diese mitfühlende und aufgeschlossene Art spiegelt sich bereits in ihren frühen Tagebüchern wider. Sie schildert nicht nur die politischen und militärischen Aktivitäten im Krieg, sondern denkt auch immer wieder über das Schicksal der Zivilbevölkerung nach. Sie trauert um die vielen Kinder, die im Krieg sterben oder ihre Eltern verlieren; sie denkt an all die Verwundeten und auch an die Juden, die in Konzentrationslager deportiert werden. Sie denkt an all jene, die an Hunger leiden und im Winter der Kälte trotzen müssen. Es ist spürbar, dass diese Gedanken sie mitnehmen und dass sie Angst davor hat, dass der Krieg auch nach Schweden kommt.

Morgen wird der Krieg zwei Jahre alt. Und mir kommt es vor, als wäre schon immer Krieg gewesen. (S.119)

Astrid Lindgren - Tagebücher 1939-1945 - Faksimile
Astrid Lindgren – Faksimile (Kopie/Reproduktion der Vorlage) aus dem Originaltagebuch mit eingeklebtem Artikel und handschriftlichen Notizen von Astrid Lindgren, Seite 206/207.

Gleichzeitig ist sie sich bewusst, wie gut sie es hat, in einem friedlichen Land zu leben. Sie kann unbeschwert Weihnachten und Geburtstage feiern und trotz Lebensmittelrationierungen geht es den Schweden gut. In der Tat wird Astrid Lindgrens Mann während des Kriegs sogar befördert und die Familie kann in eine größere Wohnung umziehen. Aber es zeichnet Astrid Lindgren als Menschen aus, dass sie nichtsdestotrotz Anteil nimmt an dem Schicksal der Länder und Menschen um sie herum.

Und jetzt ist der erste Schnee gekommen, der zweite Kriegswinter hält seinen Einzug – mit allem, was dazugehört, Tränen und Entbehrungen, Not, Elend und Kummer für die Völker ganz Europas. (S.77)

So friedvoll lebt es sich im Jahr 1941 in Stockholm, aber die Welt rundherum sieht traurig aus. (S.113)

Es ist sehr bedrückend zu lesen, wie Astrid Lindgren immer wieder auf den Frieden hofft. Wie sie bereits in den Aufzeichnungen von 1940 darauf hofft, dass der Krieg endlich zuende sein möge – und man als Leser heutzutage machtlos daneben sitzt und weiß, dass die schlimmsten Tage erst noch kommen werden. Schweden sieht sich von Westen/Norwegen her von Deutschland bedroht, während im Osten/Finnland die Bedrohung in Form der russischen Armee wächst. In diesen Momenten, in denen die Verzweiflung deutlich spürbar ist, fiel es mir sehr, sehr schwer dieses Buch zu lesen.

Die Erleichterung und Freude, die nicht nur in Schweden, sondern wohl in den meisten Teilen Europas und der Welt eintritt, als Deutschland im Mai 1945 kapituliert und Hitler tot ist, ist beinahe greifbar. Ebenso greifbar wie zuvor die Verzweiflung und Angst. Doch Astrid Lindgren ist nicht naiv: sie weiß, dass nicht alles sofort gut werden wird, nur weil Waffenruhe herrscht. Sie sieht auch die Folgen des Kriegs, die Europa noch lange beschäftigen werden.

Der Frieden kann den Müttern nicht ihre Söhne zurückgeben, Kindern nicht ihre Eltern (…). Der Hass ist nicht zu Ende an jenem Tag, an dem der Frieden kommt, jene, deren Angehörige in deutschen Konzentrationslagern zu Tode gequält wurden, vergessen nichts, nur weil Frieden ist, und die Erinnerung an Tausende von verhungerten Kindern in Griechenland wohnt immer noch in den Herzen ihrer Mütter (…) Alle Invaliden werden weiter herumhumpeln (…) Trotzdem, trotzdem – möge bald Frieden werden, damit die Menschen allmählich wieder zur Vernunft kommen. (S.242)

Und obwohl diese Zeit so schrecklich ist (wenn auch für die schwedische Bevölkerung weniger schrecklich als für andere Völker Europas), so verliert Astrid Lindgren ihren Humor nicht. Immer wieder streut sie spitze, sarkastische Bemerkungen ein, die einen zum Schmunzeln bringen. Und dann erlaubt man sich das Schmunzeln, weil man weiß, dass auch Astrid Lindgren nie den Ernst der Lage aus den Augen verloren hat und weil so ein Witz vielleicht manchmal die einzige Möglichkeit war, mit der Angst umzugehen.

Die Engländer kämpfen bis zum letzten Franzosen, wie üblich. (S.61)

Der Wahlspruch der Italiener nach neuesten Erkenntnissen: „Wir kamen, als wir sahen, wer gesiegt hat.“ (S.102)

Fazit

Ich habe Astrid Lindgren, sowohl als Autorin als auch als Menschen, schon bewundert, bevor ich ihre Kriegstagebücher gelesen habe. Aber jetzt ist ihr Ansehen bei mir noch größer geworden. Wir lernen in diesem Buch viel über den Krieg und seinen Schrecken, wir lernen aber auch viel über Astrid Lindgren. Und das, obwohl sie sehr selten über sich selbst schreibt. Aber es ist zu erkennen, was für ein Mensch sie war.

Dieses Buch ist also auf zweierlei Arten lesenswert: zum Einen aufgrund der Informationen, die hier vermittelt werden. Dies geschiet nicht in Form von trockenen und sachlichen Geschichtsbüchern, sondern durch die emotional aufgeladenen Kommentare dieser Frau, untermauert durch die schwedische Berichterstattung.

Zum anderen sollte man dieses Buch lesen, um eben auch die menschliche und persönliche Ebene zu sehen. Dass Astrid Lindgren während des 2.Weltkriegs im friedlichen Schweden lebte, öffnet eine interessante Perspektive, die zwar nicht neutral ist, aber eben weniger betroffen und damit allumfassender. Wir erfahren nicht etwas über das Schicksal einer einzigen Person, sondern über das Schicksal der Welt. Und das ist heutzutage immer noch (vielleicht heutzutage besonders) lesenswert.

Titel: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945
Originaltitel: Krigsdagböcker 1939–1945
Autorin: Astrid Lindgren
Übersetzung: Angelika Kutsch und Gabriele Haefs
Seiten: 576
ISBN: 978-3-843-71175-3
Verlag: Ullstein Buchverlage


 

 

3 Kommentare

  1. Wow, das hört sich sehr interessant an und landet definitiv auf meiner Büchereiliste 🙂
    Ich bin auch ein großer Fan von Astrid Lindgren und würde gern mal eine komplette Biografie von ihr lesen. Solche Tagebücher wären aber ebenfalls sehr reizvoll, gerade aufgrund der persönlichen Perspektive.
    Hmmm, mit deiner Bemerkung zum Geschichtsunterricht hast du auf alle Fälle Recht: Bei uns damals (OMG, wie das klingt! ^^) wurde auch nur auf die Hauptländer eingegangen. Was mit dem Rest der Welt war, wurde nicht wirklich vermittelt … Noch ein Grund mehr, das Buch zu lesen und sein historisches Wissen aufzufrischen 😉

  2. Also da hast du mich jetzt auch ganz schön neugierig gemacht. Bücher oder Erzählungen über den 2. Weltkrieg finde ich sowieso sehr interessant. Vor allem, wenn es sich dabei um solche Originale handelt, das ist dann nochmal eine ganz andere Sicht auf das Geschehene und man erfährt so viel über die Gedanken und Gefühle der damaligen Generation. Es stimmt einen wirklich sentimental, wenn man dann liest, wie sehr sie gehofft hat, dass es bald zu ende ist und man selbst weiß ganz genau, was noch alles kommen wird.
    So ging es mir auch beim Tagebuch der Anne Frank, das ich 2014 gelesen habe. Meine Schwester war damals in Amsterdam im Anne Frank Haus und hat sich dann auch das Tagebuch gekauft. Ich habe es mir dann mal ausgeliehen und fand es sehr interessant ihre Eindrücke aus der damaligen Zeit zu lesen. Aber am schlimmsten fand ich, dass man einfach weiß, dass es kein gutes Ende nimmt. Man wartet drauf und hofft doch irgendwie, dass sich die Geschichte noch zum Guten wendet. Denn der Krieg ist ja fast vorbei und es kann doch gar nicht sein, dass so kurz vor Schluss das Versteck der Familie Frank noch entdeckt wird! Mich hat die Geschichte so berührt, dass ich mir dann noch das Buch „Anne Frank, die letzten sieben Monate, Augenzeuginnen berichten“ gekauft habe. Hier erfährt man von (ich glaub es waren vier) verschiedenen Frauen, wie sie den Holocaust erlebt und vor allem auch überlebt haben. Und alle haben sie auf ihrem Weg Anne oder ihre Familie kennengelernt. Das war so herzzerreißend und an manchen Stellen so menschenverachtend, dass ich mich richtig geschämt habe Deutsche zu sein. Auch wenn unsere Generation überhaupt nichts dafür kann. Aber es wird trotzdem immer mit unserer Nation in Verbindung gebracht werden. Wenn man so etwas liest, kann man einfach nur hoffen, dass solche Zeiten nie wieder anbrechen werden und die Menschheit daraus gelernt hat.
    Danke jedenfalls für die Buchvorstellung. Das wandert auf jeden Fall auf meine Buch-Wunschliste. Neben all den Thrillern muss auch mal wieder was kulturelles dazwischen, das zum Nachdenken anregt 🙂 Und Astrid Lindgren war sowieso eine bewundernswerte Frau, die ich dadurch gerne noch besser kennen lernen möchte.

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