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Gewalttätig, gottlos und grausam: Faszination Gangsterfilm

Der Gangster ist tiefverwurzelt im amerikanischen Kino. Die waffenschwingenden Bösewichte der kriminellen Unterwelt hatten enormen Erfolg seit ihrer Einführung während der Stummfilmzeit. Aber wie kommt es, dass der American Gangster – ein Charakter, so gewalttätig, gottlos und grausam – auf der großen Leinwand so glorifiziert wird? Now You See It versucht in einem YouTube-Video, einen psycho-analytischen Ansatz zu finden und aufzuzeigen, wie der American Gangster eine zutiefst menschliche Sehnsucht verkörpert. Ich fasse euch die Ergebnisse des Videos hier zusammen.

Der erste Gangster: die Anfänge des Gangsterfilms

Das Video startet mit einer einfachen Frage: Wer war der erste Gangster? Wo kam diese Rolle her? Die Beantwortung dieser Frage gestaltet sich als schwierig. Es kann angenommen werden, dass Rico Bandello in „Der kleine Cäsar“ der erste echte Gangster war. Das Problem ist, dass er nicht wirklich ein Gangster ist – vielmehr wird er durch einen Zeitungsartikel dazu inspiriert, ein Gangster zu werden. Er ist also ein Nachahmer.

Bandit's Roost by Jacob Riis
Bandit’s Roost by Jacob Riis (1888) || via Wikimedia Commons
Vielleicht rührt die Vorstellung von Gangstern von einem Foto von Jacob Riis – „Bandits Roost“ von 1888. Und hier beginnt das Problem des Gangster-Genre: dieses Foto war gestellt.

Das ist also der erste Punkt: es gibt keinen ersten, keinen „Original Gangster“. Fast jeder Gangster, den wir in einem Film sehen, ist ein Nachahmer, ein Trittbrettfahrer. Der Pate bezieht sich auf Public Enemy, Pulp Fiction bezieht sich auf Der Pate, GoodFellas tritt in die Fußstapfen von White Heat („Sprung in den Tod“), Scarface ist ein Remake und die Sopranos sind dafür bekannt, zahlreiche Gangsterfilm-Referenzen anzubringen. Jeder Gangster kopiert also etwas von einem früheren Gangster und wenn man weit genug zurückgeht, stellt man fest, dass es den Gangster nie gegeben hat. Es gibt nur die künstliche Idee eines Gangsters. Das stellt das Video als einen wichtigen Punkt heraus, um die Faszination dieses Stereotyps zu verstehen.

Kontrolle – eine zutiefst menschliche Sehnsucht

Wir sind nicht wirklich davon fasziniert, der Anführer der kriminellen Unterwelt zu sein. Wir sind davon fasziniert, was es heißt, ein Gangster zu sein – was es repräsentiert.

Also: Was repräsentieren Gangster und warum mögen wir sie so sehr? Was will ein Gangster eigentlich?

„I don’t wanna be a product of my environment. I want my environment to be a product of me.” – Frank Costello (Jack Nicholson) in “The Departed”

Was soll das heißen? Dieses Zitat beschreibt eine Sehnsucht, die laut Now You See It jeder Mensch fühlt und versteht. Wenn man sich Gangsterfilme anschaut, stellt man fest, dass alle eine ähnliche Idee haben.

„I don’t want no dancing. I’m figuring on making other people dance.” – Rico Bandello (Edward G. Robinson) in “Little Caesar”

Um zu verstehen, was diese Idee bedeutet, muss man sich näher mit der menschlichen Psyche beschäftigen. Adam Phillips, Psychologe, sagte: „We wouldn’t think of anything as a tragedy if we did not have a deeply ingrained sense of order already there to be affronted.” Das heißt, wenn wir wütend sind, dann deswegen, weil etwas nicht so passiert, wie wir es wollen. Selbst wenn man sich wegen so etwas banalem wie dem verlorenen Schlüssel ärgert, heißt das, dass deine Fanatasie einer idealen Welt, einer Welt, in der dein Schlüssel noch in deiner Tasche ist, gestört wurde. In einer idealen Welt dreht sich die gesamte Welt nur um dich – für dich läuft alles wie am Schnürchen. So zumindest lautet die Theorie von Now You See It, über die man freilich streiten kann.

via pixabay || CC0 Public Domain

Der Gangster – eine gottgleiche Figur

Der Gangster ist die perfekte Verkörperung dieser Fantasie. Die Welt verhält sich so, wie der Gangster es möchte. Er kann mit einem Fingerzeig Befehle erteilen. Um Geschäfte zu machen, muss er nur wissend nicken. Diese Fähigkeit des Gangsters stellt Geld, Sex oder Respekt in den Hintergrund. Es ist die Vorstellung, dass der Gangster uneingeschränkte Macht über seine Welt hat.

„I’m going to make him an offer he can’t refuse.“ – Don Corleone (Marlon Brando) in “Der Pate”

In den Medien kommt wahrscheinlich der Gangster – vielmehr: der Gangsterboss – einem Gott am nächsten. Superhelden sind auch nah dran, aber selbst sie müssen Bösewichte bekämpfen und die Welt retten. Gangster müssen sich um Nichts sorgen.

Die Anziehungskraft eines Gangsters besteht nicht darin, dass er ein Gangster ist, sondern darin, dass er allwissend und allmächtig ist. Wenn er seine Rechnung nicht bezahlen will, dann muss er es nicht. Stellt euch vor, wie es wäre, so zu leben…

Das Schlimmste am Fall eines Gangsters ist nicht der Tod. Schlimmer: es ist der Punkt, an dem der Gangster (wieder) so wird wie wir: normal. Machtlos und unfähig, seine Welt zu kontrollieren. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich Henry Hill am Ende von Goodfellas.

Keine Angst vor Tabus: warum übertriebene Gewalt so anziehend wirkt

Ein wichtiger Punkt in Bezug auf Gangsterfilme fehlt natürlich noch: Die übertriebene Gewalt. Warum ist das Genre mit dieser Gewalt so erfolgreich? Warum mögen wir diese krasse Gewalt? Die Antwort liegt laut Now You See It in der Idee des Tabus. Von Tabus sollen wir uns fernhalten – und diese Dinge lösen eine besondere Faszination in uns aus. Drogen oder Gewalt sind Tabus, aber das verleiht ihnen gleichzeitig einen besonderen Machtstatus. Mit dieser Faszination kommt ein Verlangen, das Tabu aus der Distanz zu beobachten.

“I know there are women, like my best friends, who would have gotten out of there the minute their boyfriend gave them a gun to hide. But I didn’t. I gotta admit the truth. It turned me on.” – Karen Hill (Lorraine Bracco) in “Goodfellas”

Gangster – sie haben die Macht, etwas zu tun, das wir selbst nie wagen würden. Dadurch, dass sie Tabus nicht scheuen – Sex, Gewalt und das kriminelle Leben – haben sie eine Anziehungskraft. Und die Distanz zwischen der Leinwand und uns ist die perfekte Distanz, in der wir das Tabu beobachten können, ohne selbst damit in Berührung zu kommen.

„As far back as I can remember, I’ve always wanted to be a gangster.“ – Henry Hill (Ray Liotta) in “Goodfellas”

Was macht für Euch die Faszination des Gangster-Genres aus? Welche sind die besten Gangsterfilme?

5 Kommentare

  1. Wie du weißt bin ich ja kein so großer Gangster Fan, aber ich finde den Beitrag wirklich sehr gelungen und vor allem auch interessant – vor allem den psychologischen Aspekt 🙂 Vielleicht sollte ich mich dem Thema doch auch mal mehr widmen 😉 Mit Peaky Blinders oder so…

  2. Salut, Katie.
    Gewissenloses, organisiertes Verbrechen ist wohl so alt wie die Menschheit ihr Wurzeln zurückverfolgen kann. Die erste Sippe, die über eine andere hergefallen ist, weil die Jagdglück hatte. Wo zu Frühzeiten der Überlebensinstinkt für Opfer sorgte ist es seit langem die träge Habgier. Wohl ein zentraler Grund, warum ich mit cineastischen Fusswaschungen mafiöser Strukturen jetzt nie etwas anfangen konnte. 😎

    Stimmt! Zwischen dem „Kontrollverlust“ eines verlorenen (sic) Schlüssels & der Erpressung von Schutzgeld besteht schon ein gewaltiger Unterschied in der Gewichtung.
    Wie gesagt – mich hat die erzählerische Figur des Gangsters noch nie zu faszinieren gewußt.

    In Egoismus & Gewissenlosigkeit unterscheiden sich die Bosse von Gangstern in Nichts von all den Diktatoren, Patriarchen, Populisten, Kleptokraten unsere Neuzeit. Sie kleiden sich allenfall mit dem Schamlaken einer „Legimität“.

    Gewalt, speziell als Gleichnis einer Allmacht, fasziniert mich nicht. Ich erkenne in Geschichten ihre Auswirkungen & reflektiere sie entsprechen. Aufgegeilt werde ich davon nicht. Die Genugtuung wenn Böses zurückgeworfen oder (wie in Märchen) besiegt wird – durch eben Gegengewalt – ist mir allerdings genehm. Quasi die Katharsis.

    Mir sind im Grunde „Gangsterfilme“ nah, die eine Wandlung hin zu einer Entscheidung des Gewissens aufzeigen. Ähnlich wie im Klassiker ‚This Gun For Hire‘ oder neuer ‚LA Confidential‘, respektive ‚Gone, Baby Gone‘.

    Du siehst, mit dem einschlägigen Mafia-Film werde ich nie warm… 🤢

    bonté

  3. Oh ja, ich bin auch ein riesiger Fan von Gangsterfilmen bzw Mafiafilmen. Ich liebe Der Pate, genauso Es war einmal in Amerika. Und in meinen Augen grandios ist The Sopranos. Tony ist ein Mega-Charakter, aber ansonsten sehr gut besetzt. Wir haben alle Staffeln gesehen und es wird nie langweilig 🙂

    Liebe Grüße, Bee

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